Vom Fachkräftemangel zum Führungskräftemangel - die stille Krise im Mittelstand
- Doris Lindner

- vor 5 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Warum fehlende Führung heute zum größeren Engpass wird als Fachkräftemangel
Zusammenfassung in Kürze:
Der Führungskräftemangel im Mittelstand ist kein Randphänomen, sondern das Ergebnis fehlender Priorisierung von Führung. Fachkräftemangel erhöht den Druck, fehlende Führung verstärkt Fluktuation und innere Kündigung - ein Kreislauf entsteht. Gerade im Mittelstand entscheidet Führung darüber, ob Nähe bindet oder überfordert. Führung der Zukunft beginnt deshalb nicht mit dem Titel, sondern mit bewusster Entwicklung.

Inhaltsangabe
2. Der Fachkräftemangel: sichtbar, laut, messbar - und im Mittelstand besonders spürbar
3. Wenn Fachkräfte gehen, liegt das Problem selten an der Stelle
4. Wie aus Fachkräftemangel ein Führungskräftemangel wird
5. Warum fehlende Führung heute gefährlicher ist als fehlende Fachkräfte
6. Der blinde Fleck im Mittelstand: fehlende systematische Führungskräfteentwicklung
7. Führung der Zukunft im Mittelstand beginnt vor der Beförderung
8. Ein kurzer Einwand - und warum er hier bewusst offenbleibt
1. Der Fokus liegt falsch
In meiner Arbeit mit mittelständischen Unternehmen erlebe ich seit Jahren, dass der Fachkräftemangel die Diskussion dominiert. Offene Stellen, lange Suchprozesse, steigende Recruiting-Budgets - all das ist sichtbar, messbar und präsent.
Und gleichzeitig stoße ich immer wieder auf dieselbe Irritation: Die Stellen sind besetzt und trotzdem läuft es im Team nicht rund. Mitarbeitende kommen, gehen wieder. Leistung bleibt hinter den Erwartungen zurück. Unruhe entsteht, obwohl eigentlich genug Menschen da sind.
Vielleicht kennst du diese Situation selbst.
Der eigentliche Engpass liegt dann oft nicht in der Anzahl der Mitarbeitenden, sondern in der Art, wie geführt wird.
2. Der Fachkräftemangel: sichtbar, laut, messbar - und im Mittelstand besonders spürbar
Der Fachkräftemangel ist real. Er ist Ergebnis demografischer Entwicklungen, zunehmender Spezialisierung und eines Arbeitsmarkts, der sich deutlich zugunsten der Bewerbenden verschoben hat. Das ist keine Klage, sondern Realität. Und genau diese Realität begegnet mir in Gesprächen mit Geschäftsführern und Führungskräften im Mittelstand immer wieder.
Für den Mittelstand wirkt dieser Mangel jedoch besonders stark - nicht, weil dort schlechter gearbeitet wird, sondern weil die Rahmenbedingungen andere sind.
2.1 Warum der Mittelstand im Wettbewerb strukturell im Nachteil ist
Im Vergleich zu großen Konzernen verfügen viele KMUs über geringere Gehaltsspielräume, weniger Arbeitgeberbekanntheit und kaum standardisierte Karrierepfade. Recruiting und Personalentwicklung müssen mit begrenzten Ressourcen geleistet werden - oft zusätzlich zum Tagesgeschäft.
Das ist keine Ausnahme, sondern strukturelle Realität.
2.2 Der oft übersehene Vorteil des Mittelstands: Nähe
Was dem Mittelstand an Größe fehlt, kann er an anderer Stelle ausgleichen: durch Nähe.
Kurze Wege, direkter Kontakt zur Führung, schnelle Entscheidungen und echter Gestaltungsspielraum prägen viele mittelständische Unternehmen. Genau hier liegt ein zentraler Hebel.
Ich erlebe immer wieder: Nähe kann binden - oder überfordern. Der Unterschied ist Führung.
Nähe ist kein Selbstläufer. Sie wirkt nur dann, wenn Führung sie bewusst gestaltet. Ohne Führung wird Nähe schnell zur Dauerverfügbarkeit, zur informellen Überforderung oder zur Beliebigkeit. Erst durch klare, reflektierte Führung wird Nähe zu Orientierung, Vertrauen und Bindung.
Der Mittelstand kann den Fachkräftemangel nicht über Größe ausgleichen, aber über Führung.
3. Wenn Fachkräfte gehen, liegt das Problem selten an der Stelle
Vielleicht hast du selbst schon erlebt, dass gute Leute gehen, obwohl die Aufgaben eigentlich gepasst hätten. Nach außen lässt sich das oft mit besseren Angeboten, Gehalt oder Work-Life-Balance erklären.
Wenn Führungskräfte mir Kündigungen schildern, geht es im Kern jedoch selten um die Stelle. Es geht um fehlende Orientierung, um Unsicherheit im Alltag und um Entwicklung, die nicht stattfindet.
Menschen verlassen selten Aufgaben. Sie verlassen Führung. Und genau deshalb ist Führung dabei selten der lauteste, aber sehr oft der entscheidende Faktor - insbesondere mit Blick auf die Mitarbeiterbindung im Mittelstand.
4. Wie aus Fachkräftemangel ein Führungskräftemangel wird
Ich sehe diesen Übergang in vielen Unternehmen sehr deutlich - und oft erst dann, wenn er bereits Wirkung zeigt. Er passiert nicht plötzlich. Er passiert leise, schleichend und lange unbemerkt.
Der Führungskräftemangel entsteht nicht plötzlich. Er ist das Ergebnis von Strukturen und Erwartungen, die über Jahre gewachsen sind und heute nicht mehr tragen.
4.1 Fachkräfte werden zu Führungskräften - ohne Vorbereitung
Im Mittelstand ist der Weg in Führung häufig fachlich begründet. Wer Expertise zeigt, übernimmt Verantwortung. Was dabei oft fehlt, ist Vorbereitung auf die Führungsrolle selbst.
Führung entsteht nicht durch Beförderung. Sie entsteht durch Entwicklung. Bleibt diese aus, wird Führung improvisiert - gut gemeint, aber unsicher.
4.2 Führung bleibt Nebenaufgabe im operativen Alltag
„Ich weiß, dass Führung wichtig ist, aber ich komme einfach nicht dazu.“ Diesen Satz höre ich in Gesprächen mit Führungskräften im Mittelstand sehr oft.
Viele führen zwischen Projekten, Kundenanforderungen und technischen Entscheidungen. Gespräche werden verschoben, Feedback verkürzt, Orientierung nicht explizit gegeben.
Nicht, weil Führung unwichtig wäre. Sondern weil der operative Alltag sie permanent verdrängt. Führungskräfte scheitern hier selten am Wollen, sondern an Rahmenbedingungen, die ihnen keinen Raum lassen.
Führung bekommt so keinen festen Platz.
4.3 Fluktuation frisst Führungskapazität
Hohe Fluktuation bindet Zeit und Energie. Neue Mitarbeitende müssen eingearbeitet werden, Wissen geht verloren, Teams kommen nicht zur Ruhe.
Führungskräfte reagieren statt zu gestalten. Entwicklung wird durch Stabilisierung ersetzt.
4.4 Wenn Strukturen und Führungsmodelle nicht mehr tragen
Viele Organisationen erwarten Führung, arbeiten aber mit Strukturen, die sie erschweren: unklare Rollen, widersprüchliche Erwartungen und überholte Führungsbilder.
Führung wird gefordert. Aber nicht ermöglicht.
Führungskräfte stehen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Nicht wenige scheitern dabei nicht an sich selbst, sondern an Rahmenbedingungen, die Führung verhindern.
5. Warum fehlende Führung heute gefährlicher ist als fehlende Fachkräfte
Fehlende Fachkräfte sind ein Kapazitätsproblem. Fehlende Führung ist ein Strukturproblem.
Führung lässt sich nicht kurzfristig ersetzen. Sie wirkt systemisch - in Motivation, Bindung, Leistung und Kultur. Ohne Führung verlieren Unternehmen nicht nur Menschen, sondern Richtung.
6. Der blinde Fleck im Mittelstand: fehlende systematische Führungskräfteentwicklung
Aus meiner Sicht ist das einer der größten blinden Flecken im Mittelstand.
Im Mittelstand wird viel geplant: Investitionen, Projekte, Kapazitäten. Führung hingegen taucht in diesen Planungen oft nur am Rand auf.
Führung ist nicht klar verortet, nicht systematisch entwickelt und selten strategisch priorisiert. Genau dieser blinde Fleck ist eng mit der Führung der Zukunft im Mittelstand verbunden. Entwicklung findet häufig erst statt, wenn Probleme sichtbar werden.
Führung ist keine Nebentätigkeit. Sie braucht Bewusstsein, Raum und Priorität.
Ein leiser Ausblick: Führung der Zukunft beginnt vor der Beförderung. Mit Vorbereitung, Begleitung und Lernräumen für Umsetzung.
7. Führung der Zukunft im Mittelstand beginnt vor der Beförderung
Wenn Führung eine lernbare Rolle ist, muss sie auch so behandelt werden. Entwicklung vor Verantwortung, Klarheit vor Erwartung und Begleitung statt Einmalimpuls sind zentrale Voraussetzungen.
Gerade im Mittelstand liegt hier eine große Chance - dort, wo Nähe Führung schneller wirksam machen kann. Eine vertiefende Einordnung dazu findest du in der Pillar Page Führung der Zukunft im Mittelstand.
8. Ein kurzer Einwand - und warum er hier bewusst offenbleibt
Vielleicht denkst du gerade: Aber aktuell werden doch Stellen abgebaut.
Warum dann von Mangel sprechen?
Genau diese Frage schauen wir uns hier nicht im Detail an, sondern in einem eigenen Beitrag, der zeigt, warum Krise und Führungskräftemangel sich nicht widersprechen, sondern verstärken
9. Schlussgedanke
Fachkräfte zu finden ist schwierig.
Führung nicht zu entwickeln ist gefährlich.
Nach vielen Jahren in der Begleitung von Führungskräften bin ich überzeugt: Führung entscheidet heute mehr denn je darüber, ob Menschen bleiben oder gehen.
Wer heute Führung nicht entwickelt, wird morgen nicht daran scheitern, Menschen zu finden, sondern daran, sie zu halten.
FAQ: Führungskräftemangel im Mittelstand - häufige Fragen
Was ist der Führungskräftemangel im Mittelstand?
Der Führungskräftemangel im Mittelstand beschreibt nicht nur den Mangel an Personen mit Führungsfunktion, sondern vor allem den Mangel an wirksamer Führung. Er entsteht, wenn Führungskräfte unvorbereitet in ihre Rolle kommen und Führung im Alltag keinen festen Platz hat.
Wie hängen Fachkräftemangel und Führungskräftemangel zusammen?
Fachkräftemangel und Führungskräftemangel verstärken sich gegenseitig. Fachkräftemangel erhöht den Druck auf Führung, unklare oder fehlende Führung führt wiederum zu Fluktuation, innerer Kündigung und sinkender Bindung. So entsteht ein Kreislauf, der den Fachkräftemangel im Unternehmen weiter verschärft.
Warum ist fehlende Führung gefährlicher als fehlende Fachkräfte?
Fehlende Fachkräfte sind ein Kapazitätsproblem. Fehlende Führung ist ein Strukturproblem. Ohne Führung verlieren Teams Orientierung, Bindung und Entwicklung – selbst dann, wenn Stellen besetzt sind.
Warum ist der Mittelstand besonders betroffen?
Im Mittelstand treffen operative Doppelrollen, begrenzte Ressourcen und fehlende systematische Führungskräfteentwicklung zusammen. Gleichzeitig bietet Nähe große Chancen – die jedoch nur mit bewusster Führung wirksam werden.
Was bedeutet Führung der Zukunft im Mittelstand?
Führung der Zukunft im Mittelstand beginnt vor der Beförderung. Sie setzt auf Vorbereitung, Begleitung und klare Rollen – statt auf die Erwartung, dass Führung nebenbei entsteht.
🎯 Für Führung, die wirkt - und Teams, die bleiben.
Deine Doris von Your Business Coach

Autorin:
Doris ist erfahrene Leadership-Trainerin und systemische Business Coach mit einem Herz für KMUs. Aufgewachsen in einem Familienunternehmen, weiß sie, wie entscheidend gute Führung für den Erfolg eines Teams ist.
Aus eigener Erfahrung als Führungskraft auf Bereichsleiterebene kennt sie die täglichen Herausforderungen von Führung - besonders in technischen Unternehmen. Sie hilft Führungskräften, Vertrauen aufzubauen, Mitarbeiter zu halten und echte Leadership-Skills zu entwickeln.

